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Die Hara- oder Bauchdiagnose

Wussten Sie, dass die in Japan traditionell wichtigste Form der Tastdiagnose nicht die Pulsdiagnose, sondern die Bauchdiagnose ist? 

Carola Beresford-Cooke, die sich in ihrem Shiatsu-Standardwerk vor allem mit der Frage des Zusammenführens von Shiatsu und Traditioneller Chinesischer Medizin befasst, bezeichnet die Bauch-, bzw. Hara-Diagnose als wichtigste Diagnose in Japan, die dort „auch von Akupunkteuren als Ergänzung der Pulsdignose“ eingesetzt wird.

Schließlich meinte Toudou Yoshimasu, ein Meister der fernöstlichen Medizin, im Hinblick auf die zentrale Rolle der Hara-Diagnose, dass das Hara (der Bauch) die Quelle unserer Energie sei und alle Beschwerden ihren Ausgang in diesem Bereich haben, weshalb man – so Yoshimasu – alles fühle, wenn man das Hara untersucht.

 

Die Hara-Diagnose orientiert sich an festgelegten Zonen im Bauch (siehe Grafik), deren Betasten Informationen über den energetischen Zustand der Organe gibt. Diese Diagnosezonen sind zwar teilweise – aber keineswegs gänzlich – dort verortet, wo sich die entsprechenden physischen Organe (entsprechend der westlichen Physiologie) befinden; abgesehen davon, dass die in der Klassischen Chinesischen Medizin definierten Organe ja nicht einmal alle physische Korrelate haben; wie etwa im Falle des Dreifachen Erwärmers. Infolgedessen geht es bei der Hara-Tastdiagnose nicht darum, das physische Organ zu ertasten, sondern die energetische Qualität der mit den unterschiedlichen Zonen korrespondierenden energetischen Organe festzustellen. Grundlegend dafür ist die im Shiatsu gebräuchliche Unterscheidung von Kyo und Jitsu. Die Bedeutung von Kyo und Jitsu lässt sich am einfachsten am Bild eines Balls illustrieren. Im optimalen Zustand ist der Ball rund und hat weder Dellen noch Ausbuchtungen. Im täglichen Leben sind wir jedoch stets mit einmal mehr und einmal minder suboptimalen Gesundheitszuständen konfrontiert. Diese äußern sich darin, dass Kyo-Zustände in einem Meridan- oder Körperbereich mit Jitsu-Zuständen in einem anderen einhergehen. Das Kyo entspricht dabei einem Zustand der Leere und insofern der Delle des Balls, Jitsu wiederum verweist auf einen Fülle-Zustand und entspricht der Ausbuchtung des Balls. In einem energetisch umfassenden Sinne können Kyo und Jitsu auch als Varianten bzw. Interpretationen von Yin und Yang verstanden werden.

 

Wenn man bei Familienmitgliedern oder Freunden eine Bauchdiagnose erstellen möchte, ist folgende Vorgehensweise empfehlenswert:

Man sollte sich ruhig neben dem/der zu Behandelnden setzen und langsam sowie vor allem sehr behutsam mit der Hand, bzw. den Händen den Bauchraum abtasten. Dabei bleibt man einige Sekunden in jeder der Diagnosezonen, damit man abseits der nervösen, oberflächlichen Spannung (nicht zuletzt als kurze Erstreaktion bei der Berührung) sieht, wo die Hand bei leichtem Druck einsinkt und wo der Tonus so hoch ist, dass ein Einsinken nicht möglich ist. Es geht dabei weniger darum, wirklich tief in das Gewebe des Bauchraumes einzudringen, als mehr darum, die Unterschiede der verschiedenen Zonen wahrzunehmen. Im Falle eines hohen Tonus (mit zumindest etwas Elastizität) und eines oberflächlich bzw. schnell wahrnehmbaren Chi´s handelt es sich um Jitsu (also einen eher yangigen Bereich), im Falle von mangelndem Widerstand, also wenn sich der Bereich mehr oder weniger wie ein Loch anfühlt, das Chi also nicht schnell wahrnehmbar ist, dann handelt es sich um Kyo (also einen eher yinigen Bereich). Das bedeutet nicht, dass Kyo nur weich sei. Es kann sich in der Tiefe – also mit zunehmendem Einsinken spürbar – auch hart und fest anfühlen; allerdings ohne Elastizität (quasi wie eine Platte). In der Shiatsu-Tradition geht es bei der Hara-Diagnose vor allem darum, festzustellen, wo sich das größte Jitsu und wo das größte Kyo befindet; weil dies dann handlungsleitend für die Strategie der therapeutischen Sitzung ist.

Zustände von Kyo und Jitsu lassen sich im entspannten Zustand auch am eigenen Körper feststellen. Dafür empfiehlt es sich, sich in einem ruhigen Umfeld mit bequemer Unterlage (also etwa am Bett) auf den Rücken zu legen und zwecks Entspannung zumindest einige tiefe (aber dennoch lockere, also nicht verkrampfende) Atemzüge zu nehmen. Dann kann man beginnen sanft den Bauchraum zu ertasten, um nach und nach Unterschiede der Spannungszustände in den verschiedenen Bereichen des Bauchraumes festzustellen. Spannend und informativ ist vor allem, wenn sich bestimmte Spannungsmuster erkennen lassen, also Kyo und Jitsu in bestimmten Bereichen immer wieder zeigen.

 

Wenn Sie Muster erkennen können, dann informieren Sie sich bei einem/r Therapeuten/in oder einem/r Gesundheitsberater/in Ihres Vertrauens, welche (Körper-)Übungen und Ernährungsempfehlungen oder Maßnahmen im Hinblick auf Ihren Lebensstil sich daraus ableiten lassen. Sie können natürlich auch selbst versuchen, durch sanftes Massieren, Kyo und Jitsu im Bauchraum auszugleichen. Mehr zu diesem Thema in der Fortsetzung dieser Serie in einem der nächsten Anshen-Newsletter 😉

Teilen Sie Ihre diesbezüglichen Wahrnehmungen jedenfalls Ihrem/r Shiatsu-Praktiker/in und/oder Ihrer TCM-Ärztin bzw. Ihrem TCM-Arzt mit und liefern Sie so wichtige Informationen für die Optimierung Ihrer eigenen Therapie!

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